
„Geschlechtergerechte Sprache“ ist nicht harmlos. Sie stellt nämlich die sprachliche Äußerungsform in einen Gerechtigkeitszusammenhang, in dem sie ohne sie nicht stünde. Das Gemeinte mit ihr zu meinen, sei gerecht, es mit anderen Äußerungen zu meinen, weniger gerecht oder gar ungerecht. Niemand soll sich mehr dem Zusammenhang entziehen können, wenn er sich im Maskulinum oder Femininum auf Personen bezieht. Weder gerecht noch ungerecht, ist dann passé.
Die „geschlechtergerechte Sprache“ greift das Prinzip der wohlwollenden Interpretation an. Wenn sich jemand anders äußert als es ihre Norm vorsieht, setzen ihn ihre Proponenten unter Druck. Mit dem generische Maskulinum Teilnehmer wird er die Teilnehmerinnen schon nicht gleichermaßen mitgemeint haben wie die Teilnehmer. Sonst können sie schlechter vermitteln, dass dieser Ausdruck weniger gerecht als der ihrige sei. Der wohlwollende Zuhörer kann mit alldem nichts anfangen. Er wird sich ungläubig fragen, wieso denn der Sprecher die Teilnehmerinnen nicht gleichermaßen mitgemeint haben sollte.
Doch zum eigentlichen Problem sind wir damit noch nicht vorgedrungen. Das liegt nämlich nicht darin, dass nicht wohlwollend interpretiert wird von den Proponenten „geschlechtergerechter Sprache“. Es liegt auch nicht darin, dass sie sich dazu befähigt geben, zu bestimmen, was gerechte und weniger gerechte Äußerungen seien, auch wenn das für sich genommen ebenso fragwürdig ist.
Das eigentliche Problem liegt darin, dass sie es sich herausnehmen, die Gerechtigkeitsnorm in die Äußerungsform einzuführen. Sie infiltrieren sie mit ihr, um alle Äußerungen im Maskulinum oder Femininum zu Bekenntnissen werden zu lassen, wie wichtig oder unwichtig ihrem Sprecher Geschlechtergerechtigkeit sei. Die Proponenten „geschlechtergerechter Sprache“ überlassen es nicht länger den Sprechern selbst, ob sie sich dazu positionieren wollen, sondern zwingen sie an der Eingangspforte der Sprache – der Äußerung – in ein Gerechtigkeitsgefüge. Darin lassen sie die einen Sprecher auf die anderen herabblicken. Die „Gerechten“ blicken auf die „weniger Gerechten“ und „Ungerechten“ herab.
Das ist ein spalterischer Eingriff in die Sprache. Ob die „geschlechtergerechten“ Äußerungen tatsächlich gerechter als andere sind, weil sie etwa mehr an beide Geschlechter denken lassen, ändert nichts daran, dass sich ihre Proponenten am Souverän vergreifen. Sie machen ihn nämlich zum bloßen Instrument dafür, etwaige Gerechtigkeit herzustellen. Dazu ist zumindest in der Demokratie niemand berechtigt. Kein noch so hehres Ziel berechtigt dazu, andere zu instrumentalisieren.
Deshalb geht es auch am eigentlichen Problem vorbei, wenn man die Proponenten „geschlechtergerechte Sprache“ nur dafür kritisierte, dass es vermessen oder deplatziert sei, bestimmen zu wollen, welche Äußerung am gerechtesten sei. Dass es z. B. deplatziert erscheint, überhaupt auf die Idee zu kommen, sich bewusst so zu äußern, dass Männer und Frauen möglichst gleich häufig in unseren Gedanken vorkommen. Das eigentliche Problem ist unabhängig davon, ob der Gerechtigkeitsanspruch vermessen ist. Das eigentliche Problem ist, die Gerechtigkeitsnorm in die Äußerung einzuschleusen.
Das hat aus zwei Gründen totalitären Charakter. Beide klangen schon an. Zum einen macht die „geschlechtergerechte Sprache“ uns Souverän zum bloßen Instrument zur Verwirklichung von Gerechtigkeit, ob die Äußerungsnorm nun tatsächlich in der gemeinten Hinsicht gerecht ist oder nicht.
Zum anderen wird die Gerechtigkeitsnorm an einer Stelle in die Sprache eingeschleust, die überspannend und annähernd total ist. Die zwei hierfür relevanten Äußerungsgenera Maskulinum und Femininum bilden nämlich vielfach die Eingangspforte in die Sprache. Konnte man vor Einführung „geschlechtergerechter Sprache“ noch frei und unbefangen meinen, jemand verhalte sich praktisch nur dann zu Gerechtigkeitsfragen, wenn er die Worte gerecht oderungerecht benutzt. So kann man das nach ihr nicht mehr.
Comments